| Gertrud Kolmar in Westend Gertrud Kolmar ist der Künstlername von Gertrud Chodziesner. Sie lebte in Westend von 1899 bis 1920, wurde 1894 als Tochter bürgerlicher, assimilierter Juden geboren. Die Zeit in Westend war die ihrer Kindheit, Jugend und auch ersten Liebe und damit bestimmt eine der wichtigen Prägungen für ihr künstlerisches Schaffen. Was berührte mich an Kolmar, was ließ sie zur Person in meinem Film werden? Neben den Gedichten war es auch das bekannte Foto der damals vierunddreißigjährigen Dichterin. Und dann waren es die Briefe an ihre Schwester, die mich bewegten. In den Briefen bewegen mich die Schilderung von Zwangsarbeit in einer Fabrik im Osten Berlins, der Liebe zwischen ihr und einem weit jüngeren Mann, er Zwangsarbeiter wie sie. Kraft auffressende Umstände, zermürbend und erniedrigend, in denen sie sich behauptet und in diesem Leben immer noch Neues für sich entdeckt, etwa ihre Faszination für die Arbeit in der Fabrik an der großen Pappmaschine und die leise Achtung der Arbeiter ihr gegenüber. Es war wohl wirklich eine Zeit, deren Umstände "die Verhärtung der Herzen" (Reinhold Schneider) hervorrief. Es verwirrt noch heute, dass so wenig Mitgefühl, Anstand und zivile Courage zu finden waren. So liest man in Cristian Ferbers faszinierendem Buch " Die Seidels – Geschichte einer bürgerlichen Familie" nichts über die Begegnung seiner Mutter Ina Seidel mit Gertrud Kolmar. Vielleicht erzählt das Nichtgesagte leider auch etwas über die bürgerlichen Familien Deutschlands dieser Zeit, die zuließen, dass andere von ihnen – weil Juden - umgebracht wurden. Es zeigt diesen blinden Fleck, der uns mit Unruhe im Heute fragen lässt, was wir vielleicht übersehen oder schon nicht gesehen haben. Ihr dichterisches Werk "lädt" sich beim Leser auf, durch sein Wissen um das persönliche Schicksal der Dichterin , das nach Deportation in Auschwitz endet. Wir setzen Leben und Werk zueinander in Beziehung und beides auch zu anderen Autoren, bei Kolmar etwa auch zu Nelly Sachs und Paul Celan. Der Text trägt es eigentlich nicht in sich, doch das Gedicht eines Opfers wird anders gelesen, das Dichterschicksal ist mit ihm verknüpft. Das Werk lässt sich nicht mehr von der Person trennen, doch selbst wenn man es täte, so wären viele ihrer Texte groß, und sie als Person Gertrud Chodziesner auch ohne einen Text. Doch erst in der Verknüpfung von geheimnisvollem Werk mit geheimnisvoller, tragischer Person entsteht die Möglichkeit vielfältig hinein zu projizieren. So wie Klepper wohl ein Held der fünfziger Jahre war ist da Kolmar wohl eine Heldin unserer Zeit, als die kleine, starke, uneitle Frau, getarnt hinter der Maske der Familienangestellten so unscheinbar sich damals gebend und doch so stark in ihrem Wort und Leben, weiblich autark. Sie hat sich der Öffentlichkeit immer entzogen, selbst der familären, auf den wenigen Fotos steht sie am Rand. Es existiert kein Tagebuch. Doch gerade das Nichtwissen, diese Unschärfe gibt die Fläche zur Projektion, ermöglicht ihre Benutzung. Vielleicht ist die Benutzung gerechtfertigt, wenn wirklich ein "Mehr" entsteht, indem man dem Wenigen ein mehr von Eigenem hinzufügt. Die Wahl des von mir benutzten Gedichtes "AN DIE GEFANGENEN - Zum Erntedankfest am 1.Oktober 1933" (mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages) lag zum einen an der Verknüpfung mit dem Zeitgeschehen, zum anderen war es eines der durch Hilde Benjamin geretteten Gedichte. Die frühen Publikationen nach ihrem Tod sind vor allem dem Engagement von Gertrud Kolmars Schwager Peter Wenzel und der Arbeit des Lektors Hermann Kasack zu verdanken. Es waren 1947 der Gedichtband "Welten" bei Suhrkamp und im Osten 1949 der Abdruck einiger Gedichte in "Sinn & Form". Dann finden für einige Jahre die Stimmen der Opfer weniger Interesse (so auch die von Nelly Sachs). Die Gesamtausgabe des lyrischen Werkes dann 1955 ( noch ohne die bei Hilde Benjamin verwahrten Gedichte) und 1995 die Biografie von Johanna Woltmann als wichtige Etappen der Aufarbeitung und Rezeptionsmöglichkeit von Kolmars Werk und Leben. In einem Brief an ihre Schwester Hilde Wenzel beschreibt Gertrud Kolmar den Besuch des Hauses in der Ahornallee. In einem anderen Brief an ihre Nichte Sabine Wenzel erinnert sich Gertrud Kolmar an den Kochsee, ein Badesee in ihrer Kindheit, fast in Westend gelegen. Hilde Benjamin findet beim Schreiben des Buches über ihrem Mann Georg Benjamin und der damit einhergehenden Suche in alten - zuvor von ihr weggeschlossenen - Papieren, die Gedichte wieder, die Gertrud Kolmar ihr zur Aufbewahrung gab. Sechs der Gedichte waren auf anderem Wege erhalten und zuvor erschienen. Die gesamten 22 aufgefundenen Gedichte erschienen 1978 in der DDR, zusammen mit diesem Text von Hilde Benjamin, in dem sie sich an Getrud Kolmar erinnert. Fotos veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Literaturarchivs Marbach Literaturhinweise Gertrud Kolmar Frühe Gedichte (1917 - 22). Wort der Stummen (1933) Herausgegeben von Uwe Berger und „Erinnerungen an Gertrud Kolmar“ von Hilde Benjamin Buchverlag der Morgen, Berlin Lizenzausgabe DDR 1978 Das lyrische Werk: 3 Bde Autor: Gertrud Kolmar Herausgeber: Regina Nörtemann Wallstein; Auflage: 2 (März 2010) ISBN-10: 3892444994 ISBN-13: 978-3892444992 Die Dramen Autor: Gertrud Kolmar Wallstein Verlag (30. September 2000) ISBN-10: 3892448221 ISBN-13: 978-3892448228 Die jüdische Mutter Autor: Gertrud Kolmar Wallstein Verlag (31. Juli 1995) ISBN-10: 3892441901 ISBN-13: 978-3892441908 Susanna Autor: Gertrud Kolmar Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag; Auflage: 3 (4. April 1993) ISBN-10: 3633540733 ISBN-13: 978-3633540730 Gertrud Kolmar Gedichte (Bibliothek Suhrkamp) Auswahl und Nachwort von Ulla Hahn Suhrkamp Verlag 1983 Gertrud Kolmar Briefe an die Schwester Hilde (1938 – 1943) Herausgegeben von Johanna Zeitler Kösel-Verlag München 1970 Johanna Woltmann Gertrud Kolmar - Leben und Werk Suhrkamp Taschenbuch 2001/ Wallstein Verlag Göttingen 1995 Gerlind Reinshagen Die Frau und die Stadt: Eine Nacht im Leben der Getrud Kolmar Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2007 ISBN 978-3-518-41931-1 Uwe Berger Flammen oder Das Wort der Frau. Erzählung Aufbau Verlag 1990, DDR ISBN 3-351-01616-6 Sprechende Bilder. Zur Lyrik und Poetik Gertrud Kolmars Autor: Silke Nowak Wallstein Verlag (31. März 2003) ISBN-10: 3835301535 ISBN-13: 978-3835301535 Dieter Kühn Gertrud Kolmar: Leben und Werk, Zeit und Tod S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008 ISBN 978-3-10-041511-0 |