Jochen Klepper and Südende


"Jochen Klepper Park
Jochen Klepper (1903 - 1942), journalist and writer. Jochen Klepper and his Jewish wife and stepdaughter Renate committed suicide when faced with deportation. In his published diary “In the Shadow of Your Wings” he mentions this green district."

Inscription on the stone in Südende


Klepper was born in 1903 in Silesian Beuthen an der Oder, a small town that now belongs to Poland. He was the third child in a Lutheran pastor’s family. After studying theology he worked as a journalist in Breslau – today Poland. Here he met Johanna Stein whom he later married. He declared he owed the healing of his psyche to Johanna Stein. She was thirteen years older than him, a widow and mother of two daughters, and a Jew.

In 1932 the family moved to Berlin. Klepper worked for radio and publishing houses, and wrote his first book “Der Kahn der fröhlichen Leute”. At the same time he starts a diary in Südende that ends after ten years in 1942 with the pronouncement of the joint suicide of Jochen Klepper, his wife Johanna Klepper, and his stepdaughter Renate Stein. His diary thus documents the hardship faced by the Christian writer who was married to a Jewish woman, and his perseverance in the Nazi dictatorship.

In 1956 his diary was published with the title “Under the Shadow of Your Wings”. Every age seeks its heroes, and perhaps it was important in this period of West Germany, as a response of the “daheimgebliebenen” (those who remained at home) to the accusation that they were “ofenhocker” (sat at home in comfort and did nothing), to have a hero who was a conservative German who wanted to be a good soldier in the armed forces, but in reality opposed Hitler and remained faithful to his Jewish wife. From the distance of time we read this text differently than when it was first published. What was published is an editorial selection. It is the second interpretation of the text through selection and montage after the author’s (who wrote for himself and God, but ultimately also for posterity; Klepper wanted to preserve the diary and gave it to neighbours before his death). A new interpretation of the entire material still does not exist. Published was only about a third of the available material from the diary. Nevertheless, the edition I read comprised 1100 pages of small print, and was difficult reading. Klepper’s mental world is foreign to me in many places. Deliberations on suicide are present from the beginning; they pervade the pages almost manically until the real act is committed. His sleep becomes restless, his dreams turn into nightmares, he increasingly loses the energy to write; energy is found in the idyll of private life, the domestic, encapsulated in the family’s two houses. He and his wife cling to their younger daughter Renate for too long, until there is no more escape for her. Klepper could not base his decision on what we know today. He did not anticipate what would come. Or he suppressed it, in the “world of his dreams”. As a Christian he tried to place his hope in God. This hope may now appear fatalistic. But there was also the big success of his novel “Der Vater”. By the end of the war 100,000 copies of the novel had been published. The unexpected best-seller gave him financial and moral support. German army officers, even a minister in the Third Reich, loved the book, binding him to a Germany whose power would later destroy him and his family.
In the end the nightmare became reality. There was no more hope in life, only in death. Below a picture of a Christ bestowing his blessing the family ended their lives.

Südende as mentioned in his diary


1932
Pfingsten war das erste Fest gewesen, das wir in Südende verlebten. Ein Fest voller Schönheit, von einem wahren Überschwang der Natur, daß trotz all der politischen Depressionen, die immer weiter um sich griffen, damals alle Menschen wie von einer wahren Begeisterung gepackt schienen; vom ersten grünen Schimmer über den kahlen Ästen, den ersten Knospen an hatten wir den Frühling hier draußen miterlebt; Kastanien, Flieder, Linden, Buchen, Akazien, Birken, Tannen vor unseren Fenstern. Der Weg zum nahen Schwimmbad Südende durch Gärten, an dem kleinen, wilden Park vorbei ist immer wieder neue Freude für mich. Was macht auch das für mich aus, so nahe schwimmen zu können.

1935 August
Von dem Nichtarier-Schild am Südender Bade ist den Kindern heut gleich als erstes beim Wiedersehen mit ihrem Schwimmbadfreunden, doch in freundschaftlicher Weise, gesagt worden. Die Haltung ist noch sehr unentschieden, und es scheint sie doch sehr zu beschäftigen. Reni wird wohl nicht mehr hingehen; aber ihr bedeutet das Bad wohl auch nicht soviel wie Brigitte. soviel wie Brigitte.

1935 August
Auf Veranlassung eines Vorstandsmitgliedes des Schwimmbadvereins ist das Schild am Luftbad wieder verschwunden. Für Brigitte wäre der Ausschluß der größte Schlag ihrer Jugend gewesen.

1935 September
Das Schwimmbad hier hat nun wieder die Tafel mit dem Judenverbot, und selbst an dem Zaun vor unserem Spaziergang zwischen den Laubengärten ist die Inschrift angebracht.

24. September 1935\ Dienstag
Dafür waren wir sehr dankbar gewesen, daß wir diese Wohnung, an der wir so hingen, aus so schönem Grunde aufgeben sollten. Nun muß der Dank etwas anderes meinen: daß das Haus zu diesem Augenblick gerade fertig wird; daß uns so in verwirrter Lage der nächste Schritt gewiesen ist; daß der Umzug bestellt war, die alte Wohnung gekündigt -. Drei und ein halbes Jahr haben wir in ihr gelebt; vier Jahre bin ich nun in Berlin - und dreimal haben wir in dieser Wohnung den jähen und völligen Zusammenbruch meiner Existenz durchgemacht; den Papen-Umsturz, die Entlassung im Funk und bei Ullstein. Und jedesmal stand man nicht als Individuum in Frage, worin ein Trost liegen könnte, sondern wurde einer Gruppe zugeschoben, die beseitigt werden sollte, wurde in das Schicksal einer Gruppe gezogen, - wobei mir freilich das jüdische Volk eine sehr besondere Sache zu sein scheint. -Täglich kommen noch neue Dinge fürs Haus; solcher Aufbau, solche Lebendigkeit, Erneuerung berührt schmerzlich. Bis in die Äußerlichkeiten der Erhaltung, bis in jede Einzelheit kann mit diesem Hause gar nichts anderes geschehen, als daß man seine Geschicke nur noch bedenkt in dem engsten Zusammenhang mit den Bibelworten, die als »Bau-Urkunde« in ihm eingemauert liegen -. Das Wesen eines Hauses ist sehr hart verändert, wenn der Mann in ihm nicht mehr verdient. Das Haus, der Beruf – die sind nun Gott so unmittelbar unterstellt, wie man es sich kaum jemals vorzustellen vermocht hat. Noch ist die Möglichkeit, eigene Bücher zu schreiben, noch gibt auch sie eine klare Richtung. Wird einem nun auch diese Verantwortung aus den Händen geschlagen werden - wird nun auch das kommen, daß ich nur noch für den Schreibtisch oder geheim schreibe? Einem anderen Menschen zur Last gemacht sein, das ist hart. Und dahinter steht das noch härtere Gleichnis. Heut habe ich mich nun zu dem schweren Schritt entschlossen, meine Lebensversicherungen aufzugeben. Ein Maß von Passivität ist erreicht, daß einem das Grauen davor kommt. Was ist das im Menschen, daß er dann auf die Bibel pocht, als habe Gott sich ihm, dem Verlorenen gegenüber, an die Schrift gebunden?

(c) Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar


In 1938 the Kleppers built a new house in Berlin-Nikolassee. The house in Südende was to give way to the large-scale urban reconstruction plans of the Third Reich. The November pogroms in 1938 (Kristallnacht or “Night of Broken Glass”) began the transition from discrimination to the systematic persecution of German Jews. Their daughter Brigitte fled on 9 May 1939 to England. At the end of May 1939 the family moved from Südende to Nikolassee. On 1 September 1939 the Second World War began. Escape routes and countries willing to accept refugees become hard to find. In Berlin-Nikolassee is the family grave, a commemorative stone, and a path named after Jochen Klepper.

Images published by courtesy of the German
Literary Archives Marbach




References


Jochen Klepper
Unter dem Schatten deiner Flügel.
Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942

Herausgegeben von Hildegard Klepper
Reinhold Schneider: Zum Geleit
Auswahl, Anmerkungen und Nachwort Benno Mascher
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart 1956

Der Vater: Roman eines Königs
Autor: Jochen Klepper
Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 1991)
ISBN-10: 3423114789
ISBN-13: 978-3423114783

Der Kahn der fröhlichen Leute
Autor: Jochen Klepper
Evangelische Verlagsanstalt; Auflage: 1 (28. Februar 2003)
ISBN-10: 337402050X
ISBN-13: 978-3374020508

Der König und die Stillen im Lande
Autor: Jochen Klepper
Eckart-Verlag.; Auflage: 4., ungekürzte Aufl. (1962)
ASIN: B0000BK8DM

Jochen Klepper
Überwindung.
Tagebücher und Aufzeichnungen aus dem Kriege

Herausgegeben von Hildegard Klepper
Nachwort Benno Mascher
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart 1958

Jochen Klepper
Gast und Fremdling,
Briefe an Feunde

Herausgegeben von Eva-Juliane Mescke
1960 Eckart Verlag, Witten und Berlin

Jochen Klepper
Briefwechsel 1925 - 1942
Herausgegeben von Ernst G.Riemenschneider
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart 1973

Jochen Klepper
Kyrie: Geistliche Lieder
1960 Eckart Verlag, Witten und Berlin

Jochen Klepper
Ziel der Zeit: Die gesammelten Gedichte
1962 Eckart Verlag, Witten und Berlin

Rita Thalmann
Jochen Klepper : Ein Leben zwischen Idyllen und Katastrophen
1977 Chr. Kaiser Verlag München
ISBN 3-459-01110-6

Martin Johannes Wecht
Jochen Klepper: Ein christlicher Schriftsteller im jüdischen Schicksal
Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland
1998 Düsseldorf und Görlitz
ISBN 3-930250-11-X

Ernst G.Riemenschneider
Der Fall Klepper. Eine Dokumentation
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart 1975
ISBN 3421 017255

Nicht klagen sollst du: loben.
Jochen Klepper in memoriam. Zum 10. Dezember 1967

Herausgegeben von Rudolf Wentorf
1967 Brunnen Verlag Gießen

Jochen Klepper,
Dichter und Zeuge

Ein Lebensbild gestaltet von Ilse Jonas
Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1968

Rudolf Wentorf
Jochen Klepper.
Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag

1989 Brunnen Verlag Gießen
ISBN 3-7655-3812-4

In deines Herzens offene Wunde
In Erinnerung an Jochen Klepper (1903 - 1942)

Herausgegeben von Oliver Kohler
1992 Präsenz-Verlage, Gnadenthal
ISBN 3-87630-428-8

Oliver Kohler
Wir werden sein wie die Träumenden:
Jochen Klepper - Eine Spurensuche

2003 Neukirchner Verlagshaus
ISBN 3-7975-0054-8

Günter Holz
Olympiade der Hybris:
Jochen Kleppers dichterische Kritik an den Berliner Sommerspielen 1936.
Text, Entstehung, Hintergründe

2008 Berlin
ISBN 978-3-00-023994-6