Die Arbeiter

Die Arbeiter sind verschwunden. Im Turmdrehkran des KWO (Kabelwerk Oberspree) sind jetzt ein Cafe und Wohnraum.
Bertolt Brecht sagte dem Arbeiter "Ich weiß nicht, woher du es nehmen sollst, was ich von dir verlange.."(aus dem Gedicht "An einen jungen Bauarbeiter der Stalinallee"). Und auch später war das Verlangte und das Gegebene zuviel und zuwenig. Und das, auf das Brecht noch hoffte - den Beginn des goldenen Zeitalters - es trat nicht ein.
So stand der Arbeiter dann irgendwann auf, nahm nicht mehr Platz am Tisch, der doch nie paradiesisch gedeckt sein sollte. Er lebte nicht im Morgen, sondern im Jetzt. Doch niemals wieder werden sie so stolz blicken, wie dann als sie ihre Macht wahrnahmen.
Aber bevor die Arbeiter vom Tisch der DDR aufstanden, da gab es auch eine Zeit weher Hoffnung, für mich schön erzählt in einem Gedicht von Volker Braun, er schrieb es nach einem Zeitungsbericht über das KWO:


DIE GUMMIKNETERANLAGE


Abgesehn davon, daß er was anderes lieber täte
Z. B. im Flußsand liegen mit auseinandergefalteten Beinen
Im letzten Jahrhundert, das die Bäche noch nicht
Zumauern muß, abgesehn davon

Na klar, will er sich liebend gern
Zur Verfügung stellen, mal ausgeklammert seine
Zerknautschten Knochen, die Lungen, sein Gefühl
Will er hier bleiben im heißen staubigen Dunst

Und abgesehn davon, daß gesagt wird, daß das ganz anders wird
Und von der grauschwarzen Dreckschicht auf der Maschine
Von den verbrannten Pfoten (100 Grad), aber was rede ich
Ihr seht ihn in den Walzensaal tappen pünktlich wie ein Gespenst:

Also würde ihm etwas fehlen, ganz abgesehn
Vom Zaster, von der Gewohnheit, von dem Geflachse
In der Blauen Tür, na und? und von den Weibern
Die auf den Gummiplatten lehnen mit vorgereckten Knien

Ganz abgesehn davon! und daß das sein Werk ist, und ungeachtet
Er es aus Bewußtsein tut, aus der Notlage heraus
Aus Blödheit, also aus Bewußtsein, ungeachtet
Dieser Ausreden, ich mache es kurz, braucht er das

Weil er hier bestimmt, was mit ihm passiert und uns
Mal unterschlagen die Bedingungen, Vorgaben, Quälereien
Am laufenden Band, den einkalkulierten Irrsinn
Herrscht er hier, mal ganz abgesehn davon

Daß er sich kaum beherrschen kann, und daß ihn das einmal umbringt
Im beißenden Gestank, im Gehämmer, in der verschifften
Kleinrationalisierung, reißt er seine Stunden runter
Ungeachtet dessen, daß er nicht weiß ob ihn einer versteht

Wenn er sagt, daß das sein Leben ist
Und mal vernachlässigt, daß er nichts Besseres weiß
Als neben den Kollegen zu stehn und sie neben sich zu wissen
Und ganz und gar abgesehn, daß ers ihnen nicht sagen wird

Und daß er weiß was er sagt
Und nicht weiß, ob euch das helfen kann, Kameraden
Ist er immerhin bei nichts anderem so bei sich
Einmal abgesehn davon, wie es anders wäre.


"Die Gummiknetanlage" aus: Volker Braun,
Lustgarten. Preußen: Ausgewählte Gedichte
(c) Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996