| Engel der Geschichte Im Film frage ich mich im Nordend-Teil, wie die Zukunft auf uns im Heute blickt. Irgendwann in der Montagezeit des Filmes fand ich einen Text wieder, eine Sichtweise für diese Frage, von Walther Benjamin. Er war der Bruder von Georg Benjamin und der Cousin von Gertrud Kolmar. Er schrieb den Text 1940 kurz vor seinem Tod auf der Flucht vor den Nazis zu einem Bild von Paul Klee. Der Engel sah auch auf ihn. Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. "Über den Begriff der Geschichte, Kapitel IX", aus: Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften Band V-1+2 Frankfurt am Main 1974 |