| Filmentstehung Drei Gründe Etwas über die Vorstädte Berlins zu machen, reizte mich schon lange. Ich entdeckte die vier Enden der Stadt und ihre Bezeichnung nach den vier Himmelsrichtungen, die einer Erzählung über die Berliner Vorstädte Struktur und Rhythmus geben können. Ich realisierte, dass Teile meiner persönlichen Biografie mit den Stadtteilen verknüpft sind. Ein weiterer Impuls war, anders über mein Berlin zu erzählen. Denn es ist meine Stadt, ich bin hier geboren, so wie meine Eltern und Großeltern, ich darf mich also als Ureinwohner Berlins bezeichnen. Manche Literaten nennen uns auch Aborigines...., also wollte ich die Traumpfade finden. Das was viele andere über die Stadt erzählen, arbeitet sich häufig an der Mitte ab, ein zentrierter Blick auf trubelige Szene von Politik, Kunst, Club, Promis - auf das also, warum viele nach Berlin kommen und kamen - versetzt vielleicht noch mit ein wenig Kulturclash in z.B. Neukölln. Es folgt als Erzählung einem schon geprägten Bild, erfüllt Erwartungen. Es zeigt eine schon bekannte Seite. Mir war es wichtig, eine eher unbekannte Seite der Stadt als Entdeckung auch für mich zu zeigen. Zudem die Verzahnung Berlins mit Geschichte, welche die Stadt schrecklich formte- durch Bomben oder Mauerbau beispielsweise – im Heute aber gerade das Potential für ihre interessante Entwicklung darstellt. Der dritte Grund den Film zu machen, war die Suche nach einer anderen Art des Filmemachens. Es sollte ein Alleingang - ohne TV-Sender oder Filmförderung – werden. Ich wollte keinen Zwang durch Format und Erwartungshaltung. Die Form sollte sich erst in der Auseinandersetzung bilden und nicht schon nach Recherche fixiert, kalkuliert und auf Vermarktung und Zielgruppe analysiert. Da geht man dann nach Rezept vor und verfilmt dieses Rezept. Das soll Sicherheit für den Erfolg bringen, der dann in Quote, Festivalteilnahme oder Kinozuschauer besteht. Sicherheit aber auch darin, dass überhaupt ein Produkt entsteht, der Film nicht in der Entstehung scheitert. Ich suchte das Unsichere, die offene Form, vielleicht auch das Experimentelle, etwas, was nicht nur die vorhandenen Mittel parasitär neu durchdekliniert. Es beinhaltet auch immer die Möglichkeit zum Scheitern. Da war kein Rezept sondern ein Prozess, indem ich am Anfang selber nicht genau wusste, was entsteht. Nur die Richtung der Suche stand fest. Unsere Filmförderung Medienboard nannte so etwas mal: "Filme, die im digitalen Rausch entstehen". Wie hätte ich es für sie aufschreiben sollen, was ich doch erst filmisch entdecken wollte? Die Strukturen von Finanzierung und Distribution von Filmen sind sehr beharrlich auch in einer Zeit großer Veränderungen von technologischen Produktionsarten oder Rezeptionsgewohnheiten beim Publikum. Diese Strukturen formen Filme. Vielleicht sollte es eigentlich umgekehrt sein.... Und natürlich, völlige Autonomie bedeutet keine Partner, auch finanzieller Art, man kann machen was und wie man will. Doch man macht es auch allein und ohne Geld. Drehphase Damit legte ich mich natürlich auch in der Art der Realisierung fest. Das gesamte Projekt musste privat durch mich fassbar und tragbar bleiben. Schon im wörtlichen Sinne, das Gewicht der Kameraausrüstung betreffend, sie musste für mich "schulterbar" sein. Als Nichtautofahrer und Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs war es wichtig, das Gesamtgewicht der benutzten Ausrüstung auf ein auch für längere Zeit tragfähiges Gewicht zu beschränken. Mit mehr als fünfzehn Kilogramm auf der Schulter durch die Stadt zu laufen, lenkt ab. So fiel die Wahl auf einen silberfarbenen Amateurkamerarecorder von Canon im HDV-Format (HV20) , ein leichtes Videostativ (so leicht, dass damit saubere Schwenks kaum möglich waren) und diverses Zubehör. Alles in einer großen Tasche des Berliner Herstellers Bag Jack. Die Ausrüstung hatte auch einen gewissen "Undercover"-Schutz durch ihren Amateurcharakter. Doch der Film musste nicht nur gewichtsmäßig durch mich geschultert werden. Wichtig war auch die Frage des zeitlichen Aufwandes. Schließlich habe ich auch eine "normale" Arbeit. Hier war die Entscheidung hilfreich, den Film in Kapiteln zu erzählen, eingeteilt in die vier Enden der Stadt und diese mit bestimmten Jahreszeiten zu belegen. Der Dreh erfolgte in vier Blöcken, mit jeweils etwa acht halben Drehtagen pro Stadtteil, verteilt über ein Jahr. Als "Soloteam" und in Berlin wohnend und arbeitend konnte ich so flexibel auf Wetter- und Lichtbedingungen reagieren. Der Drehmodus war der des Stadtwanderers, für den die erste Begegnung und ihre Empfindung in den Film fließen sollte. Ein Drehteam hätte diese zarten Stimmungen vielleicht verflüchtigen lassen. Ich verbrauchte etwa 15 Kassetten à 60 Minuten. Zuletzt natürlich auch die Frage der finanziellen Machbarkeit. Ein Drehteam kostet Geld. Es war klar, dass ein Projekt mit großen Vorkosten, z.B. durch Recherche oder Lizenzen oder hohen Realisierungskosten nicht alleine zu stemmen ist. Das ist dann keine Liebhaberei mehr. Ebenso wenig, wenn man gezwungen ist, mit seiner filmischen Arbeit Geld zu verdienen. In einer Branche, in der man so stolz auf das Wort "Professionell" und für die der Begriff "Amateurfilm" ein Schimpfwort ist, arbeitete ich in der ungezwungenen Art des Amateurs. Wie in der Liebe hat er auch im Film ein Privileg gegenüber den "Professionellen": Er darf es erst einmal nur aus Spaß an der Sache machen. Die französische Sprache trifft es vielleicht genauer, dort ist der Amateur auch ein "Liebhaber". Ab der Phase der Postproduktion half mir meine Firma KOPPFILM, die dann unweigerlich auflaufenden Kosten aufzufangen, indem sie diese als Produzent des Filmes übernahm und einen wichtigen Teil der technischen Arbeiten am Film tätigte. Postproduktion Der Film entsteht erst mit und durch die Montage. Die Drehphase war einzelgängerisch, doch ich wollte nicht, dass so auch die Endfertigung des Filmes vollzogen wird. Grundsätzlich ist Film für mich Teamarbeit, zumeist ist die Arbeitsteilung sinnvoll, aus handwerklichen und vor allem gestalterischen Gründen. Die vielen Bezüge auf mich selbst, die große Nähe zum Thema durch die Arbeit als Autor, Regisseur und Kameramann erforderten ein gestalterisches Korrektiv und auch ein lektorisches Element für die Textebene. Ich fand hier einen starken künstlerischen Partner im Schnittmeister Jürgen Winkelblech. Der erste, unbelastete Blick ist wichtig, der die Belastbarkeit und Haltbarkeit der filmischen Elemente erkennt, als dass sie nicht zu einer bloßen Behauptung werden und sich ineinander binden. Wir arbeiteten an einem AVID-Schnittsystem ab März 2009 für einem Zeitraum von vier Monate am Schnitt des Filmes (Rohschnitt, Probevorführungen, Nachschnitt, Sprachaufnahmen, Einsatz der Sprache und Filmmusik, Feinschnitt), legten dabei bewusst immer wieder Schnittpausen ein, um Zeit für Abstand und Reflektion zu haben. Großartige Partner für die musikalische Ebene des Filmes fand ich in Eike Hosenfeld, Moritz Denis und Tim Stanzel vom Tonbüro Berlin. Eike und Moritz kannten das Projekt schon aus meinen Erzählungen in der Drehphase, sie konnten mit dem rohen Schnitt von Jürgen und mir etwas anfangen, welcher noch mit diversen Musiken aus meinem CD-Fundus als Platzhalter arbeitete. Sie ließen sich auf das Projekt ein und ihre Arbeit an Komposition und das Einspiel mit den Musikern ließen uns die Platzhalter gerne durch ihr Werk ersetzen. Ebenso vom Projekt begeistern ließen sich dankenswerter Weise weitere Kollegen vom Tonbüro Berlin, für das Sounddesign Thorsten Minning und für die Filmtonmischung Christian Riegel. Die technischen Arbeiten bei KOPPFILM waren der Onlineschnitt am AVID, die anschließende Farbkorrektur an einem Nucoda- Filmmaster, das Beseitigen technischer Mängel (z.B. das Zittern der Kamera im Wind) durch Bildbearbeitung, die Arbeiten an Filmtitel und Untertitel des Kolmar-Gedichtes für die englische Fassung, die "Deliveries" (d.h. die Ausspiele auf Bänder). Sie lagen in den versierten Händen von Tobias Schaarschmidt, Szilvia Ruszev und Andrei Dimitriu. Das Projekt wurde bei KOPPFILM technologisch von Undine Simmang koordiniert, für die vielfältigen anderen Fragen – Lizenzrechte, Festivaleinreichungen, Übersetzungen uva. – stand mir unser Producer Niklas Bäumer hilfreich zur Seite. Im Sommer 2009 war der Film dann fertig. Resümee Die Arbeitzeit von mir betrug in etwa acht Monate, verteilt auf zwei Jahre. Es gab viele Warte- und Liegezeiten, die auch eine Chance waren, weil sie Zeit zum Literaturstudium und zur Reflektion gaben. Die Limitierungen in finanzieller, technischer und logistischer Hinsicht ergaben Reibung, die damit einhergehenden Beschränkungen formten den Zugriff. Ich mochte sie, und versuchte sie zu nutzen. Ich glaube, der Gegenstand war für diese Art des Zugriffs angemessen (und umgekehrt). Es finden sich natürlich auch die Grenzen in diesem Vorgehen (oder damit auch die meinen…). Ich denke, die nächsten Projekte werde ich anders machen. Denn andere, zukünftige Filme erfordern ein neues Vorgehen, bestimmt mit anderen Limitierungen, der daraus entstehenden Reibung und eigenen Chancen. Nun hoffe ich auf das Interesse beim Publikum auf Festivals, im Kino und für die DVD. Über jegliches Feedback und Kontaktaufnahme unter 4enden@koppfilm.de freue ich mich. |